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Tages - Anzeiger vom Mittwoch,
9. Oktober 2002
Nach der Swissair der Flughafen?
Jacqueline Fehr, Nationalrätin SP
Die Swissair - Flieger am Boden! Vor rund einem Jahr schockte dieses Bild
eine ganze Nation. Dieser Tage müssen wir uns fragen, ob der Flughafen
Zürich vor einem ähnlichen Crash steht. Seine Bewertung ist etwa so, wie
diejenige der alten Swissair einige Monate vor dem Grounding. Der
Swissair-Fall wurde in der Zwischenzeit auch durch die ständerätliche
Geschäftsprüfungskommission analysiert. In deren Bericht sind die Lehren,
die aus diesem Fiasko zu ziehen sind, klar aufgeführt: Den Tatsachen
frühzeitig und offen in die Augen schauen! Dem bleibt aktuell
hinzuzufügen: Und sich von Ablenkungsmanövern wie der jetzigen Klage gegen
den Staatsvertrag nicht ablenken lassen.
Das Halbjahresresultat des
Flughafens war katastrophal. Die Eigenkapitalquote fiel auf unter 30
Prozent. Schon seit Monaten wird vom Kauf von Flughafenaktien und -anleihen
abgeraten. Die 5. Ausbauetappe mit ihrem Gesamtvolumen von 2,3
Milliarden Franken frisst ein gigantisches Loch in die Kasse. Bereits muss
beim Kanton ein weiteres Darlehen in der Höhe von 300 Millionen Franken
beantragt werden. Damit subventioniert der Staat die privaten Aktionäre mit
jährlich rund 10 Millionen Franken, indem er Geld zu einem wesentlich
tieferen Zins anbietet als es auf dem Kapitalmarkt - wenn überhaupt -
erhältlich wäre. Die Steuerzahlenden bluten zudem, weil die
Wertvernichtung der Aktien seit der Zusammenführung mit der FIG mehrere
hundert Millionen Franken ausmacht: eine Verscherbelung des Volksvermögens.
Heute soll der Flughafen gemäss Fachleuten gerade noch 310 Mio. Franken
wert sein. Doch das dicke Ende kommt noch: Niemand weiss, wie sich diese
Investitionen je refinanzieren sollen. Der Flughafen steckt tief in der
Kostenfalle. Täglich fallen Rechnungen in siebenstelliger Höhe an, das
Eigenkapital schmilzt und der Finanzmarkt zeigt sich angesichts der
düsteren Einschätzung der Branche unerbittlich.
Die Ursache der Probleme liegt wie bei der Swissair im Wachstumswahn. Kurz
nach der Abstimmung über die 5. Ausbauetappe wurde klar, dass der Ausbau
nicht wie im Abstimmungskampf versprochen für 250'000 Bewegungen, sondern
für jährlich rund 420'000 Bewegungen konzipiert wurde. Um das zu erreichen
müssten in Zürich künftig jeden Tag zusätzlich 320 Flugzeuge starten
oder landen. Zu welchen zusätzlichen 160 Zielorten sollen denn welche
Tausenden von Leuten täglich von Zürich aus fliegen? Ähnlich unsicher
sind die Aussichten im Nonaviation-Bereich. In dieser Situation ist banales
unternehmerisches Handwerk gefragt. Wenn ein Unternehmer sieht, dass er -
wie im Falle des Flughafens - übermässig und am Markt vorbei investiert
hat, steht er sofort auf die Bremse.
Für den Flughafen heisst das konkret:
- Ausbau abspecken: Nur noch Investitionen auslösen, welche die Abläufe
optimieren oder rasch Erträge bringen. Den Rest nicht mehr ausbauen oder
einer anderen Nutzung zuführen (Büros im den Terminals A und B, Passagiere
im dock midfield). Die Entwicklung des Hauptkunden (hier die Swiss)
unvoreingenommen verfolgen;
- Rasch eine Sanierung durchführen. Dazu müssen zuerst die Werte der
Aktiven korrigiert und ohne Tricks in die Bilanz aufgenommen werden;
- Transparente und ehrliche Information der Bevölkerung: Das Spiel mit
gezinkten Karten und ständigen Halbwahrheiten muss ein Ende haben;
- Weg mit falschen Sündenböcken: Der Staatsvertrag hat eine so harte
Wochenendregelung, weil der Flughafen unbedingt 100'000 Anflüge aus Norden
gesichert haben wollte (und diese jetzt nicht zu nutzen gedenkt).
Auf politischer Ebene sind die Konsequenzen ebenso klar:
- Bekenntnis zu einem Moratorium bei den Bewegungszahlen und zu einem
Verzicht auf neue Pisten: Die heutige Grösse des Flughafens (plusminus
300'000 Bewegungen pro Jahr) bildet die Grundlage für die Planung bis 2010.
Damit schaffen wir eine Vertrauensbasis, um in der Frage der Lärmverteilung
eine Lösung zu finden;
- Gesamtverkehrskonzept in der Grossregion Zürich-Süddeutschland
(Ausdehnung des S-Bahn-Netzes in den süddeutschen Raum und Ausbau der
Hochgeschwindigkeitszüge zwischen den grossen Zentren), also Zusammenarbeit
mit Deutschland statt arrogantes Antreten gegen den Staatsvertrag;
- Schliessung des Militärflughafens Dübendorf als Kompensation für die
zusätzliche Südanflüge. Es ist nicht einsichtig, dass diese dicht
besiedelte Region auch noch durch eine Militärflughafen belastet werden
soll.
Der Flughafen Zürich ist für die ganze Schweiz von grosser
wirtschaftlicher Bedeutung. Das Grounding wird derzeit durch staatliche
Subventionen verzögert. Um es zu verhindern, braucht es schlicht und
einfach Mut. Den Mut, den Tatsachen in die Augen zu schauen und die
richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Damit der Flughafen nicht zum
zweiten Fall Swissair wird.
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